CAD/CAM 3/95
Ergonomie in der Konstruktion
Egbert Elsholz
April 1995
 


  • 1. Einleitung
    2. Hintergrund Informationen
    3. Integration von CADDS-5 und ANTHROPOS
    4. Leistungsprofil von ANTHROPOS
    5. Anwendung von ANTHROPOS mit CADDS-5
    6. Kooperation der Anbieter
    7. Ausblick
     


1. Einleitung

 


Die in unserer Umwelt sowohl in der Arbeitsumgebung als auch in der privaten Umwelt verwendeten Geräte (z.B. Haushaltsgeräte, Möbel, Sportgeräte, etc.) und Maschinen (z.B. Fahrzeuge, Flugzeuge, Werkzeugmaschinen, etc.) werden praktisch durchweg für die Benutzung durch Menschen konzipiert und gefertigt. Menschen sind aber - wie wir alle wissen - sehr unterschiedlich, in dem hier zur Diskussion stehenden Kontext sehr unterschiedlich in ihrer Konstitution, so daß die Notwendigkeit besteht, die Geräte und Maschinen so zu konzipieren, daß unterschiedliche Menschen mit ihnen ohne unnötige Belastung umgehen können.

Heute wird in den Entwicklungsabteilungen der Industrie bereits weit verbreitet CAD/CAM Technologie eingesetzt, das heißt die Beschreibung eines neuen Produktes entsteht als virtuelles Modell am Bildschirm eines CAD/CAM-Systems. Diese Technik erlaubt den Aufbau eines virtuellen Prototypen (Electronic Mock-Up), so daß die Herstellung eines realen Prototypen, der zunehmend höhere Kosten verursacht, eingespart werden kann. Somit kann der Hersteller durch Reduktion der Entwicklungskosten auch die Produktkosten reduzieren und damit konkurrenzfähig am Markt bestehen.

Entfällt aber der reale Prototyp eines Produktes, so entfällt auch die Möglichkeit ergonomische Aspekte am Modell zu analysieren. Diese Lücke wird geschlossen durch die Integration des CAD-Systems mit einem entsprechend leistungsfähigen Ergonomie-System.

Der vorliegende Beitrag beschreibt die Hochzeit zwischen dem Ergonomie-System ANTHROPOS der Firma IST und dem CAD/CAM-System CADDS-5 der Computervision Corporation.
 


2. Hintergrund Informationen
 


Unternehmer sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Produkte, die sie auf dem Markt anbieten, so sicher und ergonomisch zu gestalten, daß bei ihrer Verwendung Unfälle und Langzeitschäden für deren Benutzer vermieden werden. Das heute geltende Europarecht verschärft diese Verantwortung noch. Um ihr gerecht zu werden und dabei keinen wirtschaftlichen Nachteil zu erleiden, kommen zunehmend rechnergestützte Systeme zum Einsatz, die bereits in der ersten Planungsphase auch alle ergonomie-relevanten Informationen zur Verfügung stellen, die der Konstrukteur für die humane Gestaltung seines Entwurfs benötigt. Ein solches Werkzeug ist ANTHROPOS im Zusammenspiel mit dem CAD/CAM-System CADDS-5.

CADDS (Computer Aided Design and Drafting System) wird seit 1969 von der Firma Computervision Corporation entwickelt und auf dem Markt angeboten. Es bietet heute einen sehr breiten Anwendungsrahmen für die Entwicklung, Analyse und Fertigung von Industrieprodukten.

ANTHROPOS (griech.: der Mensch) ist ein Produkt der IST GmbH. Es wurde erstmalig unter dem Namen ANYBODY im Jahr 1989 auf dem Markt angeboten. Seit 1990 ist es unter dem heutigen Namen weltweit im Einsatz.

Im vergangenen Jahr haben die beiden Firmen einen Kooperationsvertrag geschlossen mit dem Ziel, beide Systeme zu integrieren. Dies war in einer ersten Version im Oktober 1994 realisiert.
 


3. Integration von CADDS-5 und ANTHROPOS
 


Bei der Integration eines ursprünglich eigenständigen Programmsystems in ein Hostsystem spielt die offene Architektur des Hostsystems eine entscheidende Rolle. CADDS-5 bietet diese Möglichkeit in beispielhafter Weise. Eine besondere Rolle bei der Integration von ANTHROPOS in CADDS-5 spielt die Schnittstelle CVDORS für die Anbindung an die innere Architektur und die Grafik von CADDS, sowie die Schnittstelle CVACT für die einheitliche Gestaltung der Benutzeroberfläche.

Die modulare Architektur und auf Standards basierende Struktur von ANTHROPOS erleichtert die Integration der beiden Systeme auf der anderen Seite.

Das Ergebnis ist ein gelungenes, sehr effizientes und benutzerfreundliches Produkt, das die Arbeit der Konstrukteure erheblich erleichtert.
 


4. Leistungsprofil von ANTHROPOS
 


ANTHROPOS simuliert den Menschen mit Hilfe von 90 Körperteilen inklusive einer 24-teiligen Wirbelsäule. Alle Körperteile sind durch Gelenke miteinander verbunden, die überwiegend fünfachsig angelegt sind und so insgesamt 270 Freiheitsgrade gestatten. Die Darstellung erfolgt wahlweise von einer einfachen Arbeitsgrafik als Linienmodell bis hin zu einer auf NURBS-Flächen basierenden Flächendarstellung, bei der die aneinandergrenzenden Flächen bei Dehnungen und Stauchungen jeweils aktuell berechnet und nachgezogen werden.

Die Figuren sind aus einem Datenpool von 10 Nationen im Altersbereich von 12 bis 64 Jahren zu wählen; ebenso ist die Wahl zwischen männlichen und weiblichen Figuren möglich. Dabei können alle Körpergrößen und -formen sowie auch Sitzriesen und Sitzzwerge festgelegt werden - insgesamt mehr als 7 Mio. Variationen. Zur Darstellung von Individuen und Behinderungen steht außerdem ein Typeditor zur Verfügung.

ANTHROPOS kann verwendet werden zur Untersuchung der Erreichbarkeit von Elementen mit den Fingern, Handflächen und Füßen und zeigt dabei, wie er aus seiner jeweiligen Position die CAD-Umgebung sieht (Sichtfeld-Analyse). Ebenso kann er analysieren, welche physikalischen Belastungen auf die Gelenke wirken unter Berücksichtigung der Gravitation und von ggf. zu transportierenden Lasten. Dabei wird untersucht, ob und in welchem Rahmen die jeweiligen Körperhaltungen möglich sind bzw bequem eingenommen werden können.

Neben den interaktiv festlegbaren Bewegungen, die die Figur in der Umgebung seiner CAD-Welt durchführen soll, kann der Anwender Anthropos zu einer Komplex-Animation veranlassen: darunter versteht man häufig vorkommende komplexe Bewegungs-Folgen wie z.B. in die Hocke gehen, Knien oder das Klettern auf einer Leiter.

 Die Figur ist in der Lage Gegenstände der Umgebung aufzunehmen und mitzuführen: z.B. Schutzhelm, Werkzeug, etc. Es analysiert und warnt den Anwender bei gefundenen Kollisionen des Körpers mit sich selbst oder mit Gegenständen der Umgebung. Diese Funktion ist natürlich nur möglich, wenn die Flächen-Repräsentation der Figur gewählt ist.

Der Job-Modul erlaubt ein Programmieren vorgegebener Handlungen und Handlungsfolgen, die beliebig wiederholbar sind. Damit wird es möglich bestimmte Tätigkeiten mit unterschiedlichen Personen-Typen analysieren zu können. Dies führt zu einem hohen Rationalisierungseffekt während der frühen Planungsphase. 
 


5. Anwendung von ANTHROPOS in CADDS-5
 


CADDS-5 ist ein CAD/CAM-System, das über die reine Modellierung und Fertigung von Bauteilen hinaus auch die Strukturen von komplexen Maschinen zu organisieren und zu verwalten gestattet. Es ist damit ein Werkzeug, dessen Stärken besonders bei großindustriellen Anwendungen (Automobil-, Luft- und Raumfahrt-Industrie) geschätzt werden.

Am Beispiel der Entwicklung solcher uns allen vertrauten Maschinen wollen wir darstellen, wie der Konstrukteur von der neuen Technik profitieren kann:

Zunächst wird der Auto-Konstrukteur aufgrund von vielen markt- und industrie-spezifischen Randbedingungen die Geometrie des Fahrzeugs festlegen und mit Hilfe der umfangreichen CADDS-5 Funktionen beschreiben. Dafür steht ihm ein modernes grafisches 3D-System zur Verfügung, mit dem er wahlweise ein (auch gemischtes) Draht-, Flächen- oder Volumen-Modell erstellen kann. Für die höherwertige Modellierung wird die NURBS-Technik verwendet (Non-Uniform Rational B-Spline Surfaces). Der Konstrukteur kann ebenfalls wählen, ob sein Modell mit Hilfe eines parametrischen Designs leicht zur Untersuchung von Varianten ("was wäre, wenn...?") herangezogen werden soll, oder ob ein bereits feststehendes Design modelliert werden soll. Auch hier kann eine Kombination aus parametrischem und explizitem Modellieren gewählt werden (Hybrid Modeling).

Da das zu modellierende Fahrzeug aus vielen tausend Bauteilen besteht und eine große Anzahl von Konstrukteuren gleichzeitig an der Entwicklung arbeitet, verwenden sie eine Technik mit dem Namen Concurrent Assembly Mock-Up (CAMU). Diese gestattet jedem Anwender ungestört an "seiner" Baugruppe zu arbeiten, aber auch auf die aktuellen Daten seiner Kollegen zuzugreifen, ohne daß durch unerlaubtes Verändern fremder Daten ein Daten-Chaos entstehen kann. Für die Verwaltung - auch nicht-grafischer bzw kommerzieller Daten - steht ihm das Engineering Data Management (EDM) zur Verfügung. Dieses erlaubt auch geografisch weit verteilten Unternehmen die redundanzfreie Verwaltung ihrer Daten sowie die Projektverfolgung durch das Management. Ein weiteres Hilfsmittel für die Kommunikation stellt das Modul CV-Conferencing dar, mit dessen Hilfe Mitarbeiter an verschiedenen Orten im Rahmen einer Tele-Konferenz an gemeinsamen CAD-Daten diskutieren und so zeit- und kostensparend zu Entscheidungen kommen können.

Bevor sein Modell zum ersten Mal gefertigt wird, kann der Konstrukteur bereits analysieren, wie sich seine Bauteile einzeln unter Belastung verhalten werden (Lebensdauer, Durchbiegung) oder auch wie sie sich im Zusammenspiel kinematisch verhalten (Türmechanik, Lenkgetriebe). Ebenso können bereits zu diesem frühen Zeitpunkt visuelle und ästhetische Aspekte berücksichtigt werden (Styling als Verkaufsargument). Schließlich kommt an dieser Stelle auch der ergonomische Aspekt zum Tragen: hier kann mit Hilfe des ANTHROPOS das Mensch-Maschine-Interface analysiert werden.

Beispielsweise untersucht der Konstrukteur, ob bei einem gegebenen Türausschnitt und vorgegebenem Tür-Öffnungswinkel ein bequemes Ein- und Aussteigen möglich ist. Sitzt Anthropos einmal im Fahrzeug, so kann man feststellen, ob die Sitzverstellung (Position, Höhe, Neigung der Rückenlehne) ausreicht, damit sowohl eine kleine Chinesin wie auch ein schwedischer Hühne alle Bedienelemente wie Lenkrad, Fußpedale, Gangschalthebel, Lichtschalter usw erreichen kann. Ebenso wird untersucht, ob die notwendige Pedalkraft z.B. bei einer Vollbremsung von den Personen aufgebracht werden kann.

In jeder Sitzposition wird dann analysiert, was Anthropos sehen kann: werden z.B. wichtige Instrumente im Armaturenbrett vom Lenkrad verdeckt oder verdeckt ein Teil des Rahmens die Sicht auf die Ampelanlage an der Straßenkreuzung. Auch die Sicht durch die Rückspiegel auf den nachfolgenden Verkehr kann bereits in dieser Entwicklungsphase untersucht und optimiert werden.

Schließlich kann man feststellen, welche Kräfte notwendig sind, das Reserverad aus dem Kofferraum zu heben. Für die Wartung des Fahrzeugs in der Werkstatt ist es wichtig zu wissen, ob ein Bauteil am Motor leicht ausgetauscht werden kann, ohne das gesamte Fahrzeug in seine Einzelteile zerlegen zu müssen.

Ist schließlich das Produkt reif zur Fertigung, erlaubt CADDS-5 die - sofern trotzdem noch notwendig - Herstellung von Prototypen mit Hilfe der Stereolithografie. Für die Vorbereitung der Serienfertigung wird der Planer bei der Erstellung von Werkzeugwegen für Dreh-, Bohr- und Fräs-Operationen unterstützt. Handelt es sich bei seinen Bauteilen um Blechteile, so kann er auf die speziellen Fähigkeiten von CADDS zur Blechabwicklung zurückgreifen. Für die Herstellung von Kunststoffteilen helfen spezielle Module bei der Analyse des Fließ- bzw Abkühlverhaltens.

Auch in der Fertigung kann Anthropos helfen festzustellen, ob die Handhabung einzelner Bauteile an den Werkzeugmaschinen möglich und für den Mitarbeiter zumutbar ist. Beim Zusammenbau des Fahrzeugs in der Endmontage kann Anthropos die Zugänglichkeit prüfen.

Ähnliche Untersuchungen wie hier am Beispiel aus der Automobil-Industrie sind bei der Konzeption und beim Bau von modernen Verkehrsflugzeugen notwendig. So müssen z.B. die vielen Bedienelemente im Cockpit für den Piloten leicht erreichbar sein. Instrumente müssen leicht ablesbar sein und dürfen nicht zu Verwechslungen führen. Für die Bequemlichkeit der Passagiere besonders auf interkontinentalen Langsteckenflügen ist beispielsweise die Beinfreiheit in den Sitzreihen ein wesentliches Kriterium. Andererseits will natürlich die Fluggesellschaft aus wirtschaftlichen Erwägungen eine möglichst große Anzahl von Sitzplätzen in dem vorgegebenen Raum unterbringen. Kompromisse sind hier unumgänglich, müssen aber auch in einem möglichst frühen Stadium der Entwicklung bereits getroffen werden.

Auch bei der Herstellung sowie später bei der Wartung der Flugzeuge kann ANTHROPOS frühzeitig Aussagen liefern, ob z.B. Bauteile, die der regelmäßigen Wartung unterliegen, leicht zugänglich sind und ggf ohne großen Aufwand aus- und wieder eingebaut werden können.


6. Kooperation der Anbieter
 


Die Kooperation der beiden beteiligten Unternehmen sieht vor, daß jeder der Partner für das von ihm zu vertretende Produkt die entsprechende Schulung und Beratung der Kunden vornimmt. Dies hat zur Folge, daß dem Anwender die jeweils optimale Beratung zuteil wird, da er mit dem jeweiligen Experten diskutieren kann.

Für den Vertrieb und Präsentationen auf Messen wird sich vermutlich ein gemeinsames Auftreten einspielen, um die Stärken beider System-Teile voll zur Wirkung zu bringen. Diese Vorgehensweise hat sich bereits bei Vorstellungen des Produktes im Hause Mercedes-Benz in Stuttgart sowie bei der Deutschen Aerospace Airbus in Hamburg bewährt. Auch die langjährigen Anwender von CADDS konnten auf ihrem jährlichen User-Meeting im September vergangenen Jahres in Bad Homburg das neue Produkt begutachten.
 


7. Aussichten
 


Der nächste Schritt wird die Portierung auf alle Hardware Plattformen sein, auf denen CADDS-5 heute bereits verfügbar ist: SUN, HP, SGI, DEC, danach auch IBM RS6000.

ANTHROPOS Version 4 wird über einen verbesserten und erweiterten User-Typeditor verfügen, mit dessen Hilfe u.a. weitere Behinderungen modellierbar werden.

Einen besonderen Schwerpunkt wird die automatische Positionierung der Modelle nach Eingabe weniger Zielpunkte bilden. Die konsequente Gravitationsberechnung sowie die Bereitstellung weiterer Kindermodelle sind in der Planung. Eine Verbindung zu SAE Standards ist in Vorbereitung.

Das Job-Animationsverfahren, dessen Effizienz in Fachkreisen zunehmend erkannt wird, wird weiter optimiert.

Durch permanenten Dialog mit den Anwendern entstehen ständig neue Ideen und Anforderungen an die Funktionalität solcher Systeme. Für die Weiterentwicklung wird es einen engen und sich gegenseitig befruchtenden Gedankenaustausch zwischen den Entwicklungsteams der beiden Unternehmen sowie der Anwender geben; dies zum Nutzen der Anwender und schließlich auch der Verbraucher - also auch zum Vorteil von uns allen.




Literatur:

Rechnergestützte Ergonomie-Methoden für den Praktiker
Roland Lippmann REFA Nachrichten Ausgaben 3 und 4 1993
Anthropos Information Version 3.5
IST GmbH
CADDS-5 Dokumentation
Computervision GmbH